Samstag, 11. Dezember 2010

What’s the difference that makes the difference? Sophie Hunger im Lido Berlin

von ebbe
Eine mögliche Antwort lautet: Sophie Hunger. Der Bezugsgegenstand ist der Popsong und das Live-Konzert. Verse: What’s the difference that makes the difference? Chorus: Zunächst, Sophie Hunger hat in ihren letzten Alben großartige Songs und brillante Texte geschrieben. Unsere „Generation“ – die Anführungszeichen signalisieren meine Skepsis an all die sich angesprochen fühlenden Mitstreiter, – sie hat, sofern sie sich darum bemüht hat, in den letzten Jahren und Jahrzehnten herausfinden können was Unterschiede sind. Ja, man könnte soweit gehen zu sagen, dass uns eigentlich seit 20 Jahren plus 30 retrospektiv aufgeholten, nichts eigentlich mehr gelehrt wurde, als Unterschiede. Wir wissen warum es falsch ist nur Lennon/McCartney zu sagen? Wir wissen wann Lennon, wann McCartney? Wir wissen wann Kunst? Der Klang bemächtigt sich unser, er nimmt uns ein, es gibt (eigentlich) und im strengen Sinne der Kunst keine Wahl. Die Evidenz fällt in der Pop-Musik – damit ist der Lullaby von 3 Minuten gemeint – mit der Tür ins Haus. Wall of Sound (ein Lob an die Begleitband). „Musik ist entweder gut oder scheisse“ (Miles Davis). Verse: What’s the difference that makes the difference? – Sophie Hunger. Sie ist die pure Geste, die Authentizität, die Ehrlichkeit, die Demut. Was ist ein guter Song? – Eine 3-minütige, klangliche Struktur die musikalischen Sinn als totale Spannung mit ekstatischen Momenten konturiert. Sophie Hunger singt aber nicht nur die „schönen Stellen“ ihrer ohnehin grandiosen Songs. Wir müssen aufhören uns auf die schönen Stellen zu freuen, die wir bereits kennen. Nur unmusikalische Idioten klatschen nach jedem Jazzsolo. Nur Fans wollen den Song hören wie der Song ist. Musik ist nicht, alles wird erst. Im Konzert ereignet sich die „schöne Stelle“ nur weil sie neu, wild und schön doch erst gemacht wird. Das ist die Geste bei Sophie Hunger. Das ist der lebendige Gegenbeweis zum Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit. Ein alter Hut, der nicht mal mehr auf dem Klavier liegt. Keine Bärte und Hüte beim Sophie-Hunger-Konzert. Danke. Verse: What’s the difference that makes the difference? – Antwort: Intensität. Sophie Hunger ist die introvertiert-musikalische Ekstase. Voodoo aus dem Schweizer Kanton. Sie brüllt die Stille. Sie haucht den Klang. I have nothing to say and I am saying it. And that is poetry as I need it. Es braucht Jahre um zu wissen – es ist ein leiblich-implizites Wissen – wie man einen Ton, einen Schrei, einen Akkord setzt. Sie hat ihn immer, immer richtig gesetzt. Bridge: Warum dieser Text? – Ave Maria. Verse: What’s the difference that makes the difference? – Frank Zappa hat ohne Wittgenstein zu kennen gesagt, dass über Musik schreiben sei, wie zu Architektur tanzen. Deswegen ist dieser Text auch sinnlos – weil der Augenblick, der Klang, die Musik, das Ereignis, die (einzig) „schöne Stelle“, das Lächelns, der nackte Arm (woman, i can hardly explain...), die Sympathie, das offene Herz, das Lido in Berlin nur in einer Sekunde auf und unter geht. In einem Blitz (mit dem Understatement des grauen Berliner Dezemberhimmels). Musik ist staccato, auch im Adagio. Man hat keine Chance auf Stop und Replay. Keine Musikgeschichte, nur Musik als Hoffnung. Sophie Hunger wird noch viele Konzerte in Berlin spielen. 1983 hat ein Kind und eine Stimme. Im Nachklang liegt die Freude. 

Von Toni.

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