Sonntag, 14. Juni 2009

Ein Sonntag mit Sartre

(via)
Illustration von Wols aus
"Nourritures"
von Jean-Paul Sartre. 1949. (19 x 14.5 cm).
Befindet sich in der Sammlung des MoMA

La transcendance de l'ego:

"Dieses absolute Bewusstsein hat, wenn es vom Ich gereinigt ist, nichts mehr von einem Subjekt, (...), es ist ganz einfach eine erste Bedingung und eine absolute Quelle für Existenz.

Kleine Einführung in "Das Sein und das Nichts":
Bewusstsein (Für-sich) und die Dinge der Welt (An-sich) können niemals dieselbe Identität haben.
Für Sartre konstituierte sich das Bewusstsein und damit das Subjekt als Für-sich gegenüber dem von ihm wahrgenommenen etwas, dem An-sich. Das Bewusstsein konstituiert sich also, indem es sich negativ – als das was es nicht ist – bestimmt. Diese Negation ist das Nichts als dem Subjekt Zugehöriges.
Ein Bewusstsein ist immer Bewusstsein-von-etwas.

Das Sein bietet sich der Enthüllung nur in der Erscheinung an: das Seiende ist Phänomen.
Ein Sein neben dem Phänomen selbst aber ist nicht erkennbar.

Das Bewusstsein (Für-sich) ist unabhängig vom An-sich, es ist seine eigene Seinsregion. "Sobald das Bewusstsein auftaucht, macht es sich durch die reine nichtende Bewegung der Reflexion zu einem personalen: denn was einem Sein die personale Existenz verleiht, ist nicht der Besitz eines Ego - das nur das Zeichen der Persönlichkeit ist -, sondern das Faktum, für sich als Anwesenheit bei sich zu existieren."

Das Bewusstsein setzt sich als Bewusstsein (von) sich.
Das Für-sich kann nicht der Grund seines eigenen Seins sein und wird stets durch ein An-sich bedingt. Sartre nennt es den "Riss im Sein", das Nichts, das durch das Sein geseint wird. Das Für-sich hat zu Objekten aller Art, ob materiell, biologisch, psychisch, eine setzende, gesetzte Distanz.

Sartre ist Antinaturalist. Er glaubt, im Gegensatz zu vielen seiner Zeitgenossen, an die Existenz des Bösen. Es gibt für ihn eine unüberbrückbare Spannung zwischen Mensch und Welt.
"Der Geist der Ernsthaftigkeit" (Trägheit) will sich der Erfahrung der Kontingenz (des Zufälligen), des Ekels nicht stellen.

Für Sartre ist nichts notwendig, es exstieren keine natürlichen Beziehungen untereinander und zur Welt. Man kann der Kontingenz nicht entkommen, diese ist absolut, das Leben hat keinen Sinn. Es gibt keine Heilung, die den unüberwindbaren Bruch zwischen dem Bewusstsein und den Dingen der Welt tilgen kann, keine metaphysische Rettung.

Der Mensch ist Kollaborateur, der sich den vollendeten Tatsachen fügt. Dabei nimmt der Kollaborateur die Perspektive der Zukunft ein, aus der jede Vergangenheit und jedes Elend zu einem guten Ende führt und darin aufgehoben ist. Äußerliche Zwänge sind Zufälle. Der Mensch oder besser die menschliche Realität (réalité-humaine) entgeht den Zufällen nicht. Aber er kann sie übernehmen, integrieren und damit überschreiten.

Freiheit ist nichts Abstraktes oder Grenzenloses. Freiheit ist die winzige Bewegung über das Gegebene hinaus. Der Mensch trägt insofern Verantwortung, als er derjenige ist, der das Gegebene auf sich nimmt und gleichzeitig mit diesem Aufsichnehmen den Zufall negiert. Der Mensch kann sich jederzeit über die Situation hinaus entwerfen, selbst wenn er dabei scheitert. Das Scheitern ist nicht der Gegensatz zur Freiheit, sondern eine menschliche Möglichkeit, die sich aus seiner Freiheit ergibt. Die Dinge leisten uns keinen Widerstand. Durch unsere Entwürfe können die Dinge zu einem Widerstand werden.

„Die Hölle, das sind die Anderen“
Die Erwartungen und Projektionen, die durch Mitmenschen an einen gerichtet werden, manipulieren das Handeln, wenn der Mensch ihnen gerecht zu werden versucht - aus Bequemlichkeit, weil er der Verantwortung ausweicht, sich selbst stets neu erfinden zu müssen. Die Anderen sind Teil der Situation. Die anderen Bewusstseine sind ein Teil unserer vorgefundenen Welt. Meine Freiheit ist begrenzt durch die Freiheit der Anderen. Indem ich jedoch den Anderen als Anderen annehmen, kann ich diese Grenze übernehmen. Ich stoße nicht an diese Grenze. Sartre behauptet, dass die Freiheit Grenzen hat, aber dass die Freiheit den Grenzen niemals begegnet. Die Anderen sind also kein Hindernis für den Entwurf des Einzelnen, da die Anderen ein Teil der Situation sind, die ich in meinem Entwurf überschreiten kann. Es muss eine Situation, die Welt, die Gesellschaft, die Anderen, geben,
damit ich mich von ihnen losreißen kann, damit ich etwas überschreiten kann. Ich benötige die
Situation, um frei sein zu können.

„Die Existenz geht dem Wesen voraus“ - einzig sein nacktes Dasein ist dem Menschen vorgegeben; was ihn am Ende ausmacht, muss er erfinden.
Das Sein des Menschen ist nicht im Voraus definierbar, nicht geschaffen, der Mensch schafft sein eigenes Wesen immer wieder neu, ist durch die Kontingenz des Lebens dazu, zu seiner Freiheit, verurteilt.

Sartre und Heidegger
Sartre griff dort Heideggers Idee auf, dass das Wesen des Menschen nicht in seiner Essenz sondern in seiner Existenz liege. (Dasein ist kein Was, sondern ein Wie).
Wegen der hohen Bedeutung, die Sartre dem Bewusstsein als Gegensatz zur Welt zusprach, sah Heidegger einen Rückfall in den neuzeitlichen Subjektivismus.
Während Sartre die absolute Freiheit des Menschen betonte, versuchte
Heidegger hingegen Strukturen des Daseins (Existenzialien) aufzuweisen, zu welchem sich dieses verhalten kann und muss.

Atheistischer Existenzialismus
'Ontologischer Ansatz': Der Mensch ist das einzige Seiende, bei dem die Existenz (dass er ist) der Essenz (was er ist) vorausgeht.
Für sein Wesen bestimmende Grundzüge gibt es nicht. Es gibt keinen Gott gibt, der den Menschen Werte auferlegt haben könnte und keine objektiv verbindliche Ethik (Kant).

Die Lage des Menschen ist also durch absolute Freiheit gekennzeichnet. Dieser
Grund-Situation hat sich der Mensch zu stellen. Alles andere wäre eine Selbsttäuschung.
„Der Mensch ist (deswegen) voll und ganz verantwortlich“, zunächst für
seine Individualität: Mit seinem Tun „zeichnet er sein Gesicht“. Dann aber zugleich für die ganze Menschheit. Denn mit seinen Entscheidungen entwirft er ein Modell, einen „Typus“ des Menschen. Insofern ist er immer auch ein Gesetzgeber.

Sartre führt diesen Begriff im Zusammenhang mit der Tatsache ein, dass man in seinen Projekten für die Zukunft nur auf das bauen kann, was in den eigenen Kräften steht.
„Es gibt Wirklichkeit nur in der Tat“ oder: „Der Mensch ist das, was er vollbringt“, jedoch nicht seine Möglichkeiten. Es gibt keine Entschuldigungen für das, was nicht erscheint. Die Bedeutung der anderen:
Um irgendeine Wahrheit über mich zu erfahren, muss ich mich im Anderen spiegeln. Der andere ist für meine Existenz unentbehrlich, ebenso wie er für die Erkenntnis, die ich von mir selber habe, unentbehrlich ist. Die Entdeckung meines Innersten enthüllt mir zugleich den anderen als eine mir gegenübergestellte Freiheit, die nur für oder gegen mich denkt und will. Somit entdecken wir eine Zwischen-Ichheit‘ (Intersubjektivität), und in dieser Welt entscheidet der Mensch, was er ist und was die anderen sind. Man wählt im Angesicht der anderen, und man wählt sich im Angesicht der anderen. Sartre zeigt in einer Analyse
des Angeblicktwerdens, wie der andere mir erscheint: als Konkurrent in dem Kampf um die Perspektivierung des Menschseins und der Wirklichkeit.

Sartre betont die Ähnlichkeit mit dem Akt künstlerischen Schaffens.
Ein Künstler lässt sich nicht durch festgelegte Regeln leiten. Er muss auch kein bestimmtes Bild machen. Der Künstler bindet sich in die Gestaltung seines Bildes ein; und das Bild, das zu machen ist, ist genau das Bild, das er gemacht haben wird. Der Inhalt ist immer konkret und daher unvorhersehbar; er ist immer erfunden. Was allein zählt, ist, zu wissen, ob die Erfindung, die getätigt wird, im Namen der Freiheit getätigt wird.

PS:
Wenn es sehr hübsch ist, oder sehr hässlich, oder nicht vor dir flieht - fass es nicht an :-)

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