Dienstag, 2. November 2010

Herbstassoziationen - oder Charlottenburg und der Verfall


Bilder von Ebbe


Ich sitze auf einer bemoosten Bank in unserem Garten im Hinterhof und versuche meine wirren Gedanken zu ordnen.
„Denken sie einmal tiefgründig über das Wort Aufmerksamkeit nach“ hallt es neben dem Tinnitus von letzter Nacht.
Ich fühle mich überrannt und erschöpft zugleich von den unzähligen Emotionen und Eindrücken der letzten Wochen. Frankfurt, München, London, Bremen zwischendurch immer wieder Berlin, Jena zuletzt Gera - eine wahre City-Oase. Ich kann seit Tagen nicht mehr schlafen. Habe das Gefühl zu explodieren und dennoch wache ich jeden Morgen wieder auf, um unter gefühlten Phantom-Schmerzen in mein Laufrad zu steigen. Schneller Ebbe, schneller - rufen diese inneren Stimmen, die immer wieder gegen den ersehnten Relaxklaus die Asse im Ärmel haben. Die Welt um mich herum beschert mir so ungewollt jeden Tag aufs Neue ein würziges Gehirngulasch, in dem ich eigenhändig kräftig rumrühre, solange bis ich vom ekelhaften Gestank der Fleischbrühe wieder kotzen muss.

Auf meinem Weg quer durch das alte Charlottenburg in Richtung KADEWE, sehe ich zum ersten Mal den Nutten vom Billigstrich in ihre verlorenen Augen, das ist 'ne andere Nummer als Oranienstraße. Man fühlt es sofort. Ganz anders. Mir wird komisch und ich fahre einfach weiter, vorbei an türkischen Lebensmittel und Friseurläden, weiter vorbei an Traditionscafes, wie das Einstein, vorbei an hippen Galerien, wie diese in der ich jetzt arbeite. Ein seltsamer Mix aus heruntergekommen, abgefuckten Edelschuppen im architektonischen 70er Jahre-Gründerzeit-Clash. Das alles ist Sprengstoff für meine Sinne. Ich habe monströse Kopfschmerzen und kann dennoch nicht aufhören die spannungsreiche Umgebung aufzusaugen.
Nirgendwo so scheint mir, ist die Spannung zwischen Vergangenheit und Gegenwart so groß. Ich fühle mich ganz plötzlich wieder fremd in meiner Stadt und genieße die Flut von unbekannten Eindrücken. Wie sehr habe ich das vermisst.

Gedanklich wieder zurück im Garten, bemerke ich während einer schlecht selbstgedrehten Zigarette ein Blatt zwischen vielen andern. Es leuchtet so künstlich, dass mein Blick immer wieder zu ihm wandern muss.
Ungewollte Assoziationen schießen mir ins Hirn.
Das Blatt ist so künstlich in Gelb und Pink, dass der kommende Verfall nicht nur zu ahnen, sondern bereits spürbar ist. So schön kann das gar nicht wirklich sein - und ist es doch. Die Natur verarscht mich, denke ich. Das Blatt kündet von seiner letzten größtmöglichen Schönheit. Es beschreibt auf eindringlichste Weise die Grenze zur Übertreibung, die niemand ziehen kann.
So klar wie Tod und Geburt, Anfang und Ende, Plus und Minus, Ja und Nein, die Nullen und Einsen, so unklar und ungenau ist der Weg dahin, unweigerlich nicht festzuhalten, nicht zu datieren – das Altern.
Ich muss plötzlich an alte Frauen denken, die sich zuviel Schminke ins Gesicht schmieren, um letztlich genau dieses künstliche Leuchten zu erzeugen, wie auf diesem Blatt. Ich denke weiter an Caravaggio und Poussin, niederländische Vanitasstilleben. Ich denke mir, dass wir eigentlich immer im Barock leben und der Herbst uns diese Misere nochmal volles Rohr aufs Brot schmiert - in der Schönheit des Verfalls gleich der unerträglichen Leichtigkeit des Seins.

Ich drücke meine Zigarette aus und hebe das Blatt auf.
Ich mag seine Künstlichkeit, seine auffälligen Adern, Streben, Falten,
genauso wie ich meine, die jeden Tag etwas tiefer werden.
In Gedanken lege ich noch einmal frisches Rouge auf und wandere zurück in meinen weißen Kubus.
Es ist ein schöner Herbst, irgendwo im alten charismatischen Charlottenburg.