Montag, 6. Dezember 2010

Wenn die Kondolenz das Unglück übertönt


Da fällt er, fällt und bleibt liegen, regt sich nicht. Ob er sich weh getan habe, fragt da ein anderer. Ein Vater eilt herbei, die Mutter folgt. Und die Millionen schauen zu. Fassungslosigkeit, Bestürzung, Entsetzen. "Oh-mein-Gott"s und "Furchtbar"s sind zu hören.

Zwei Tage später: Die Presse kommt ihrem vornehmsten Auftrag nach, Themen von öffentlichem Interesse abzudecken, versorgt das bangende Publikum mit allen Informationen, die es braucht. Facebook-Soli-Gruppen ziehen mehr als 25.000 Mitglieder an, schamanische Beschwörungsformeln werden gemurmelt und YouTube hat endlich wieder ein viral clip. - Die Medien bilden ihre Konsumenten ab, das Thema der Berichterstattung gerät in den Hintergrund. Ich schaue mir all diese Dinge an und ich sehe da nichts von einem Verunglückten, ich sehe dort nur das kollektive Beileid.

Die wenigen Informationen lassen mich vermuten, dass dieser tollkühne Kandidat Glück im Unglück gehabt haben, ohne bleibende Schäden zurückbleiben könnte. Wirbelbrüche, spät einsetzende Lähmungen. Das könnte für einen glimpflichen Verlauf sprechen.

Da fällt ein anderer, auch er bleibt liegen, regt sich nicht. Der Rettungswagen trifft ein, die Mannschaft springt von Bord und beginnt mit der Reanimation. Die Umstehenden schauen zu, gelähmt vor Fassunglosigkeit und Entsetzen. Ein düsteres Publikum, das sich hier versammelt hat. Man wird in den kommenden Tagen keine Berichterstattung lesen, eine kleine Randspalte verweist auf einen "schweren Motorradunfall mit Personenschaden". Keine Facebook-Soli-Gruppe wird eingerichtet, kein YouTube-Video wird bangende Massen versammeln, kein Naturgeist wird angerufen werden. Dieser Motorradfahrer wird einer von rund 4000 Unfalltoten sein, die jährlich in Deutschland zu beklagen sind.

In zwei Wochen werde ich selbst mit dem Rettungswagen durch den Wedding fahren. Ich werde hoffen, dass es nur luftnötige Omas und volltrunkene, weil von der Gattin sitzen gelassene Ehemänner sein werden, die ich in die Klinik bringen werde. Das hofft jeder von uns. Einer Kommilitonin war ein solch ruhiger Einsatz nicht vergönnt, sie musste die Reanimation eines dreijährigen Unfallopfers aufgeben.

Wir haben Schiss davor. Bittere Furcht. Ich habe schon viele alte, krebszerfressene Menschen in ihren Qualen sterben sehen, doch ein junger, eigentlich gesunder Mensch, vielleicht sogar ein Kind, das ist neu, wird immer neu sein. Eine bekannte Medizinerweisheit besagt, dass es nicht die alten und gebrechlichen Leute sind, die sterben; nein, diese sterben nicht, sie siechen nur vor sich hin und ihre Lage wird sich weder verbessern noch verschlechtern, komme was wolle. Es sind die jungen Menschen, die sterben, die, für die man kämpft, mit denen man bangt. Um dann am Ende doch verloren zu haben.

(Hallo, ich bin hier der Neue. Facebook sagt, ich sei ebbes Bruder. Mehr als das. Jetzt schreibe ich hier mit.)

(Foto via)

2 Kommentare:

  1. In zwei Stunden geht es los, dann sitze ich im Rettungswagen und kümmere mich zwölf Stunden lang um alle Notfälle, die im Wedding anfallen. Ich habe bitteren Schiss, jemanden reanimieren zu müssen. Ich will das alles nicht.

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  2. ich drueck die daumen, dass alles gut geht...

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