Samstag, 8. Januar 2011

Michel Foucault - Dispositive der Macht. Über Sexualität, Wissen und Wahrheit.

In Tel Aviv hab ich mich ein bisschen mit Michel Foucault auseinandergesetzt. So einsam am Strand liegend dieses kleine Buch aus dem Merve Verlag Berlin gewälzt, welches durch interessante Interviews mit dem poststrukturalistischen Philosophen glänzt. Ich bin noch nicht ganz durch, aber drei Zitate sind jetzt schon hängengeblieben, weil ich sie auf mich beziehen kann oder sie einfach zutreffend sind. Wie das eben immer so ist.


"Was mich betrifft, so kam ich mir wie ein Fisch vor, der aus dem Wasser hochspringt und auf der Oberfläche eine kleine, kurze Schaumspur hinterlässt und der glauben läßt oder glauben machen will oder glauben möchte oder vielleicht tatsächlich selbst glaubt, daß er weiter unten, dort wo man ihn nicht mehr sieht, wo er von niemandem bemerkt oder kontrolliert wird, einer tieferen, kohärenteren, vernünftigeren Bahn folgt." 


"Ich träume von dem Intellektuellen als dem Intellektuellen als dem Zerstörer der Evidenzen und Universalien, der in den Trägheitsmomenten und Zwängen der Gegenwart die Schwachstellen, Öffnungen und Kraftlinien kenntlich macht; der fortwährend seinen Ort wechselt, nicht sicher weiß, wo er morgen sein noch was er denken wird, weil seine Aufmerksamkeit allein der Gegenwart gilt, der wo er gerade ist, seinen Teil zu der Frage beiträgt, ob die Revolution der Mühe wert ist und welche (ich meine: welche Revolution und welcher Mühe), wobei sich von selbst versteht, daß nur die die beantworten können, die bereit sind, ihr Leben aufs Spiel zu setzen, um sie zu machen. (...)


"Verweigere den alten Kategorien des Negativen (Gesetz, Grenze, Kastration, Mangel, Lücke), die das westliche Denken so lange als eine Form der Macht und einen Zugang zur Realität geheiligt hat, jede Gefolgschaft! Gib dem den Vorzug, was Positiv ist und multipel, der Differenz vor der Uniformität, den mobilen Dispositiven vor den Systemen! Glaube daran, dass das Produktive nicht seßhaft ist, sondern nomadisch!"

3 Kommentare:

  1. Interessanterweise sieht Martina Löw in genau den (sozialen) Differenzen, die Foucault in deinem letzten Zitat beschwört, den Grund für die Sexualisierung der Städte. Ihr zufolge existieren multiple, fluktuierende Gemeinschaften mit diskreten Eigenschaften, in die jeder abwechselnd eintaucht und austritt. Sie fährt fort: "Für Young ist Differenz etwas Erotisches, weil es bedeutet, aus der eigenen Routine herausgezogen zu werden, das Neue, Fremde, Überraschende zu treffen und Interesse an Menschen zu entwickeln, die als anders erfahren werden. Die Erotik der Stadt entspringe aus der Ästhetik ihrer materiellen Existenz: aus Lichtern, Gebäuden und Architekturstilen, aus der Differenz zwischen den dort lebenden Menschen sowie aus der 'sozialen und räumlichen Unerschöpflichkeit' (Young 1992/1993, S.106)." Allerdings stimmt sie auch mit Bech überein, wenn sie ihn wie folgt zitiert: "Urbane Sexualisierung ist ein modernes Allgemeines, sie obstruiert alle Betonungen des Besonderen und Lokalen, sie ist eine homogenisierende Herausforderung der allseits zelebrierten Differenz (Bech 1995, S.20)".

    Aus der Erkenntnis und dem Umgang mit den Differenzen der sozialen Interaktionen im urbanen Kontext entsteht Löw zufolge eine Sexualisierung der städtischen Gesellschaft, die zum Identitätsmerkmal derselben wird und somit eine vergemeinschaftliche Wirkung auf ihre Mitglieder ausübt. Wenn also Foucault die Differenz vor die Uniformität setzt, dann verlangt er etwas, das wir nicht erreichen können, gehören wir doch einer Gesellschaft an, deren Uniformität doch eben in der Differenz liegt und dies auch noch mit basalen, nämlich sexualisierenden Konnotationen verknüpft.

    Wenn man es mit Richard Sennett nimmt, dann ist dies keineswegs eine postmoderne Entwicklung, sondern eine, die bereits in Moderne ihren Lauf nahm und heute – für diese Schlussfolgerung ist sein Werk zu alt – in dem Zustand kumuliert, den wir leben und erleben. Sennett beobachtete "die Tyrannei der Intimität", die das öffentliche Leben in den Untergang führe: War einst die Öffentlichkeit ein Raum für kodizierte Interaktion und das Private für Intimität bestimmt, so habe sich dies ins Gegenteil verkehrt und verhalte sich nun so, dass wir uns in der Öffentlichkeit authentisch zeigen und daheim fremden Idealen und Normen untergeben. Dadurch entsteht natürlich eine Pluralisierung des öffentlichen Lebens, die zu den Differenzen führt, die Foucault zum Selbstzweck macht und nach Löw zu der beschriebenen Uniformität im Sexuellen führt.

    Und im Übrigen: Das letzte Zitat könnte der Werbespruch für die nächste Berlin-Kampagne sein.

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  2. dann machen wir doch gleich einen tausch, wenn du mit deinem und ich mit meinem fertig bin um uns gemeinsam tot zudiskutieren.
    so langsam wird das mit dir als intellektuellem austauschpartner...

    <3

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  3. Hallo! Diese Zitate gefallen mit so sehr, dass ich das Buch gleich bestellen werde. Bin ungeduldig es zu lesen. Danke dir!

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